Warum dein Trauerprozess viel früher beginnt, als du denkst.
Dass wir mehr Raum für Trauer und auch gute Trauerbegleitung brauchen, ist den meisten schon klar, glaube ich.
Was noch nicht so klar ist, ist der richtige Zeitpunkt dafür.
Ich möchte dich gerne sensibilisieren, dass Trauerprozesse oft schon viel früher starten, als den meisten bewusst ist.
Sobald sich zeigt, dass ein Mensch sterben wird, beginnt in der Regel auch die Trauerspur mitzulaufen. Spätestens wenn die Behandlung nur noch palliativ ist, ist auch die Trauer präsent.
Das gleiche gilt, wenn eine Person an Demenz erkrankt. Oder wenn eine andere Erkrankung diagnostiziert wird, die z.B. das Wesen, die Sinneswahrnehmung, die Sprache und viele andere Selbstverständlichkeiten verändert, ohne Aussicht auf Verbesserung. Auch hier beginnt schon der Trauerprozess sich seinen Weg zu bahnen – unbewusst oder ganz bewusst.
In der Fachsprache wird dies als vorweggenommene Trauer bezeichnet. Das betrifft einmal die Trauer der betroffenen Person und natürlich die Trauer des Umfelds.
Es kann sogar sein, dass hier bereits der größte Teil des Prozesses stattfindet und die Trauer nach dem Tod des Menschen gar nicht mehr so schwer oder schmerzhaft ist, wie davor.
Natürlich gilt Ähnliches auch für die Trauer über Verluste, die nichts mit dem Tod zu tun haben. Auch hier begleitet dich die Trauerspur oft schon sehr viel früher, als es dir vielleicht bisher bewusst ist.
Trotzdem möchte ich dir Möglichkeiten zeigen, mit denen du dich deiner Trauer noch mehr annähern kannst:
- Das Wissen und das Bewusstsein dafür haben, dass der Trauerprozess in den genannten Situationen schon längst im Gange ist.
- Das Bewusstmachen, dass es sich (schon zu diesem Zeitpunkt) um eine herausfordernde Lebenssituation handelt, in der es absolut legitim ist, sich (schon jetzt) Unterstützung zu erlauben. Vielleicht ist es die herausforderndste Situation deines gesamten Lebens. Da musst du wirklich nicht alleine durch.
- Das Wissen darüber, dass Trauerbegleitung auch die Ansprechpartner*innen dafür sind, wie man sich gut vorbereitet und Abschiede gut gestaltet. Und auch dafür, wie man Kinder gut und rechtzeitig vorbereitet und begleitet.
- Mehr Vorstellung davon entwickeln, was nach dem Tod passiert. Hier kommt Spiritualität ins Spiel! Je gefestigter du in deinen Vorstellungen davon bist, desto leichter wird es sein für dich in dieser Situation. Dich mit deiner eigenen Spiritualität zu befassen, lohnt sich übrigens immer und ist zu jedem Zeitpunkt möglich.
- Das Wissen darüber, dass es nie darum geht, einen Menschen loszulassen. Diese Vorstellung ist sehr veraltet. Es geht vielmehr um deine Continuing Bonds zu dieser Person. Dein Band nochmal so richtig zu stärken, tut gut und tröstet. Das geht natürlich auch, wenn der Mensch gestorben ist. Aber eben auch schon, wenn er noch lebt.
Ich sehe in meiner Trauerbegleitung einfach einen deutlichen Unterschied, je nachdem, wann eine Klientin oder ein Klient zu mir kommt. Oft ist es gar nicht möglich, den Zeitpunkt zu wählen. Aber wenn es möglich ist, dann kann ich dich nur dazu ermutigen, dich sehr rechtzeitig schon zu kümmern.
Die Frage, die du dir jetzt mitnehmen kannst, zu deinen nahen sehr lebendigen oder schon toten Menschen ist: Worin genau besteht deine Verbundenheit mit dieser Person?
Mit dieser Frage bringst du auf den Punkt, was eure besondere Verbindung ausmacht und stärkst sie damit ganz bewusst – für jetzt und über den Tod hinaus.
Und vielleicht möchtest du das diesem Menschen mitteilen und ihn dafür wertschätzen.
Quelle/Weiterlesen: Roland Kachler
Bild: Vau Kim/unsplash
