Trauerphasen: Welche Phasen es gibt und wie du damit umgehst

Trauerphasen sind Modelle, die beschreiben, wie Menschen auf Verlust reagieren. Sie verlaufen nicht linear und sehen bei jedem Menschen anders aus. Klassische Modelle wie die fünf Phasen der Trauer geben Orientierung, greifen aber oft zu kurz. Dieser Artikel zeigt dir, welche Trauerphasen es gibt und welche aktuellen Trauermodelle du kennen solltest.

Das Wichtigste in Kürze:

✓ Trauerphasen sind ein sehr bekanntes Modell, um Trauer zu beschreiben, sie bilden jedoch nicht ab, wie Trauer tatsächlich verläuft.

✓ Viele Menschen glauben, es gäbe feste Phasen der Trauer, aktuelle Forschung zeigt jedoch: Trauer folgt keinem linearen Ablauf.

✓ Klassische Modelle können hilfreich sein, führen aber auch häufig zu Missverständnissen und unnötigem Druck.

✓ Moderne Trauermodelle verstehen Trauer als dynamischen Prozess, in dem Menschen zwischen verschiedenen Zuständen und Bedürfnissen wechseln.

✓ Es gibt keinen „richtigen“ Ablauf und kein Ziel, das erreicht werden muss. Du darfst  individuell trauern und auch in deinem eigenem Tempo.

Inhalte:

Was sind Trauerphasen?

Trauerphasen sind ein Versuch, den Trauerprozess in einem Modell abzubilden.
Es gibt verschiedene Trauermodelle und damit auch unterschiedliche Beschreibungen von Trauer als Trauerphasen, Traueraufgaben und Anpassungsprozessen. Die sehr verbreiteten Modelle der Trauerphasen werden mittlerweile auch kritisch betrachtet, mehr dazu weiter unten.

Ein Trauermodell soll dir vor allem Orientierung in deinem Trauerprozess geben. Ich zeige dir hier drei gute Alternativen zu den Phasen der Trauer, die dich vielleicht noch besser abholen und unterstützen.

Die 5 Phasen der Trauer nach Kübler-Ross

Im Modell von Kübler-Ross werden folgende Phasen beschrieben:

  • Verleugnen
  • Zorn
  • Verhandeln
  • Depression
  • Akzeptanz

Elisabeth Kübler-Ross ist die Pionierin der Sterbebegleitung, die 1969 in ihrem Buch diese fünf Stufen bzw. Phasen der Trauer beschreibt, die sich auf den Sterbeprozess beziehen, nicht auf die Trauer von Angehörigen und Zugehörigen. Später wurden ihre Trauerphasen dann auch auf Trauer nach einem Verlust übertragen.

Die 5 Trauerphasen nach Kübler-Ross sind also das allererste und älteste Trauermodell.

Die Phase der Akzeptanz kann die Vorstellung vermitteln, dass es ein fixes Ende gibt im Trauerprozess.

David Kessler führte die Arbeit mit Kübler-Ross weiter und ergänzte das Modell um die Phase „Sinn“.

Er betont, dass es keine starren Phasen oder feste Schritte sind, sondern eher eine Landkarte, als Angebot zur Orientierung. Die Phasen sind weder linear noch verpflichtend. Zur Phase der Akzeptanz stellt er richtig: Es geht nicht darum zu sagen, dass alles ok ist, sondern darum, die Realität so anzunehmen, wie sie gerade ist.

Sofern diese Ergänzungen mitgedacht werden, integriert das Modell den aktuellen Forschungsstand und kann auch heute noch genutzt werden.

Ich persönlich kann mit anderen Ansätzen mehr anfangen und zeige meinen Klient:innen und Workshop-Teilnehmenden ein praxisnäheres Trauermodell.
Denn immer wieder kommen Menschen zu mir, die glauben, sie müssten ihre Trauer „abschließen“ oder in einer bestimmten Phase ankommen.

Die 4 Phasen der Trauer nach Verena Kast

Verena Kast veröffentlichte ihr Trauermodell 1982 und beschreibt darin vier Trauerphasen, die Gefühlsverläufe von Trauernden nach einem Todesfall:

  • Nicht-wahrhaben-Wollen
  • Aufbrechende Emotionen
  • Suchen und Sich-Trennen
  • Neuer Selbst- und Weltbezug

Auch dieses Modell klingt sehr schematisch, ist aber nicht als feste Abfolge zu verstehen: Phasen können sich überlappen oder individuell verlaufen. Laut Kast soll das Modell helfen, „sich im Chaos der Gefühle zurechtzufinden.“

Auch hier würde ich aus meiner Praxiserfahrung sagen, dass der Begriff der Phasen zu Missverständnissen führt und dazu beiträgt, dass in der Gesellschaft ein falsches Bild von Trauerprozessen und Trauerbewältigung aufrechterhalten wird.

Warum Trauerphasen-Modelle heute kritisch gesehen werden

Kritikpunkte an Trauerphasen:

  • Trauerphasen können Druck erzeugen
  • Trauer verläuft nicht linear
  • Der Trauerprozess wird vereinfacht dargestelltTrauerphasen können verunsichern und den Eindruck vermitteln, falsch zu trauern
  • Auch das Umfeld geht davon aus, dass Trauer nach vier bis fünf Phasen abgeschlossen sein sollte – dadurch entstehen falsche Vorstellungen und Erwartungen
  • Die Phase der Akzeptanz vermittelt die Idee, dass Trauer endet. Mittlerweile weiß man jedoch, dass das nicht so ist

Die Forschung bestätigt, dass Menschen keine festen Phasen oder einen vorhersehbaren, typischen Verlauf zeigen (Bonanno, 2009). Außerdem gibt es keine ausreichende Evidenz für Phasenmodelle (Stroebe, Schut & Boerner, 2017).

Ich bin immer wieder erstaunt, wie verbreitet die Vorstellung von Trauerphasen ist – auch in meinem Freundeskreis – und wie häufig Trauerprozesse anderer Menschen mit „die ist gerade in Trauerphase so und so“ kommentiert werden.

Daher ist es mir ein Anliegen, darüber besser aufzuklären, neue Erkenntnisse aus der Trauerforschung zu ergänzen und alternative Trauermodelle vorzustellen.

Welche aktuellen Trauermodelle es gibt

Es gibt mittlerweile mehrere aktuellere Trauermodelle.
Ich möchte dir hier drei vorstellen – zwei wissenschaftliche und ein alltagspraktisches:

  • Das Duale Prozessmodell von Margaret Stroebe und Henk Schut
  • Meaning Reconstruction in Grief von Robert A. Neimeyer
  • Das Trauerkaleidoskop von Chris Paul

In neueren Ansätzen wird Trauer weniger als Abfolge von Trauerphasen verstanden, sondern als ein Prozess, in dem Menschen die Bedeutung ihres Verlustes einordnen und ihr Selbst- und Weltverständnis neu ausrichten.

Das Duale Prozessmodell der Trauer einfach erklärt

Das Duale Prozessmodell beschreibt Trauer als ein Pendeln zwischen Schmerz und Anpassung an das Leben danach – nicht als feste Abfolge von Trauerphasen.

Das Modell von Stroebe und Schut zeigt, dass Trauer nicht linear verläuft, sondern sich zwischen zwei Bereichen bewegt:
• Verlustorientierung: Schmerz fühlen, erinnern, vermissen
• Wiederherstellungsorientierung: Alltag bewältigen, neue Rollen finden, nach vorne schauen

Trauernde wechseln zwischen diesen Zuständen – manchmal innerhalb eines Tages. Genau dieses Hin- und Herbewegen ist zentral für eine gesunde Verarbeitung.

Das Modell entlastet viele Menschen, weil es zeigt: Es ist normal, dass sich Trauer widersprüchlich anfühlt. Momente von Funktionieren oder sogar Leichtigkeit sind kein Rückschritt, sondern Teil des Prozesses.

Quelle: Stroebe, M. & Schut, H. (1999): The Dual Process Model of Coping with Bereavement

Meaning Reconstruction: Wie Menschen nach einem Verlust wieder Sinn finden

Meaning Reconstruction versteht Trauer als Prozess, in dem Menschen nach einem Verlust ihr Leben, ihre Identität und den Sinn neu ordnen.

Nach einem Verlust geraten vertraute Annahmen ins Wanken. Fragen wie „Warum ist das passiert?“ oder „Wer bin ich jetzt?“ stehen im Raum.

  • Trauer bedeutet hier, darauf neue Antworten zu finden. Dabei stehen drei Prozesse im Mittelpunkt:
  • Sinnsuche: Verstehen wollen, was passiert ist
  • Bedeutung: Einordnen, was der Verlust für das eigene Leben bedeutet
  • Identität: Sich selbst neu definieren

Das Modell zeigt: Trauer verändert nicht nur Gefühle, sondern das eigene Selbstverständnis. Sie ist ein aktiver innerer Anpassungsprozess – und verläuft bei jedem Menschen anders.

Quelle: Neimeyer (2001)

Das Trauerkaleidoskop nach Chris Paul: Ein praxisnaher Zugang zur Trauer

Ein Kaleidoskop als Bild für die verschiedenen Facetten eines Trauerprozesses

Die deutsche Trauerbegleiterin Chris Paul hat ein schönes Praxismodell entwickelt: das Trauerkaleidoskop.

Sie beschreibt darin 6 Facetten des Trauerns:

  • Überleben
  • Wirklichkeit
  • Gefühle
  • Sich anpassen
  • Verbunden bleiben
  • Einordnen

Das Bild eines Kaleidoskops ist einfach und verständlich. Jede Facette kannst du dir in einer anderen Farbe vorstellen. Paul betont dabei, dass alle Facetten Teil des Trauerprozesses sind, aber unterschiedlich stark im Vordergrund stehen und auch in unterschiedlicher Zusammensetzung – wie in einem Kaleidoskop.

Die Facette des Überlebens ist für viele meiner Klient:innen sehr bedeutsam. Sie fühlen sich darin sehr gesehen und es hilft ihnen, Aspekte ihrer Trauer wie Erschöpfung, Schlafen oder Ablenken als Teil ihres Trauerprozesses zu verstehen, zu erlauben und zu würdigen.

Die Grundlage des Trauerkaleidoskops bilden die Traueraufgaben nach Worden, die von Chris Paul ergänzt und alltagstauglicher gestaltet wurden.

Genau deswegen schätze ich dieses Modell so sehr, weil es für mich den größten Bezug zum Leben von trauernden Menschen hat.

In meiner Arbeit begleite ich auch Verluste, bei denen es nicht um Tod geht, und auch dafür ist dieses Modell gut geeignet.

Ich bevorzuge das Trauerkaleidoskop auch deswegen, weil es in der Begrifflichkeit eindeutiger ist als Trauerphasen. Es vermittelt sehr bildlich: hier geht es um Vielfalt, Variation und Individualität.

Wie lange dauern Trauerphasen wirklich?

Trauer hat keinen festen Zeitrahmen. Studien und Praxiserfahrung zeigen, dass Trauer individuell verläuft und nicht nach Monaten oder Jahren „abgeschlossen“ ist.

Für mich ist in der Trauerbegleitung die Individualität der wichtigste Faktor.
Modelle und Literatur können Orientierung geben, aber mehr auch nicht.

Gerade die Arbeit mit meinen neurodivergenten Klientinnen und Klienten hat mir gezeigt, dass auch für mich als Trauerbegleiterin Angaben aus Literatur und Forschung nur grobe Anhaltspunkte sind. 

Das größte Missverständnis bei den Phasen der Trauer ist, dass du strukturiert oder möglichst schnell mit deiner Trauer zurechtkommen solltest. Stattdessen darfst du dir Zeit lassen.

Falls du aktuell selbst nach Unterstützung suchst, schau dir gerne mein Angebot für Trauerbegleitung an. 

Fazit

Trauermodelle und auch klassische Trauerphasen können Orientierung und Sicherheit geben, aber sie beschreiben weder festen Ablauf noch sind sie eine Vorgabe. Es gibt keine „richtige“ Art zu trauern. Entscheidend ist, dass du deinen eigenen Weg findest – in deinem Tempo.

HANNA HORN

Trauerbegleiterin. Systemische Coachin. Beraterin für Neurodivergenz.

Ich bin Hanna und begleite Menschen in ihren Trauer- und Veränderungsprozessen. Mit dem Wunsch, dass sie sich wieder verbundener fühlen – mit sich selbst und mit dem Leben. In meiner Arbeit integriere ich unterschiedliche Ansätze: eine Coaching-Methode, die mit innerem Wissen arbeitet, hypnosystemische Begleitung, Meditation und Embodiment.

Auf meinem Blog findest du Wissen, Impulse und neue Perspektiven rund um Trauer, Neurodivergenz und Coaching.

Quellen:

Bild Kaleidoskop: mit KI erstellt