Die anderen Verluste: Warum sie viel mehr Beachtung brauchen

Als klar war, dass ich mich mit Trauerbegleitung selbstständig mache, war mein erster Gedanke: dann aber für alle Verluste! Das war der Start für mein Verlust- & Trauermentoring in 2021. Ein paar Jahre zuvor war ich selbst auf der Suche nach einer Begleitung für meine Trauer über einen für mich sehr bedeutsamen Verlust, der allerdings kein Todesfall war. Und ich fand bei meiner Recherche nichts. Gar nichts. Was ich gemacht habe? Ich hatte eben (erstmal) keine Trauerbegleitung

Auch jetzt, ein paar später, wird Trauer immer noch vor allem mit Tod und Sterben assoziiert.

Dabei blenden wir etwas aus – nämlich die Verluste, die mitten im Leben stattfinden. Die, die mit Trennungen von Partner*innen zu tun haben, mit doofen Diagnosen und  lebenseinschränkendem Erkrankungen, mit Freund*innen, die sich einfach nicht mehr melden, mit unerfüllten Kinderwünschen und Lebenswünschen, mit vernachlässigten Bedürfnissen aus der Kindheit, die das Erwachsenenleben beschweren.

Wohin mit dieser ganzen Trauer? Mit der Traurigkeit. Der Wut. Der Ohnmacht. 

Auch dafür braucht es Raum. Und zwar ganz genauso viel.

Ich bin sehr froh darüber, dass die amerikanische Psychologie Professorin Mary-Frances O’Connor in ihren Forschungen mit Hirnscans bestätigen konnte, dass sowohl das Gehirn als auch der Körper vergleichbare Merkmale zeigen, wie bei der Trauer bei einem Todesfall. Denn auch für mich fühlte es sich damals genauso an. 

Wenn ich mit Menschen darüber spreche, bekomme ich trotzdem oft die Reaktion, dass das nicht sein könne. Dass man einen Tod auf keinen Fall mit so einem anderen Verlust vergleichen könne. Letztendlich können wir diese Frage auch nicht wirklich beantworten – weil Wahrnehmung und Erleben immer subjektiv und individuell und damit unvergleichbar bleiben.

Nicht umsonst heißen die anderen Verluste, die Verluste ohne Tod auch in der Fachliteratur immer noch „Nicht-anerkannte Verluste“ und „entrechtete Verluste.“ 

Aber für dich, als fühlendes Wesen, das einen Verlust erlebt, der tief schmerzt, dir möchte ich sagen:

  • Ja, das tut genauso weh, als wäre jemand gestorben.
  • Ja, das ist kaum aushaltbar.
  • Ja, es ist zutiefst traurig und ich fühle mit dir. 
  • Ja, die Trauer begleitet dich vermutlich schon eine Weile und du hast es dir nur noch nicht so richtig bewusst gemacht.
  • Ja, das braucht richtig Zeit, das zu begreifen.
  • Ja, du darfst Trauerbegleitung annehmen, du musst da auf keinen Fall alleine durch.

Erinnere dich selbst und deine lieben Menschen um dich herum, immer wieder daran: sie sind wichtig diese anderen Verluste. Und vor allem auch das Trauern darüber. 

Quellen: Mary-Frances O’Connor. The grieving brain (2022). The grieving body (2025).
Bild: Nakota Wagner/unsplash

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