Wieso Trauern nicht ohne deinen Körper geht
Trauer zeigt sich immer im Körper. Oder wie Bessel van der Kolk sagt: the Body keeps the score. Nach einem plötzlichen Verlust, wie einem Todesfall, einem Verlust, der dich sich ankündigt wie eine lebensverkürzende Erkrankung oder einem Verlust, der sich eher langsam einstellt, wie Kinderlosigkeit – dein Körper trauert immer mit!
Die Körpertrauer zeigt sich ganz unterschiedlich, aber alle diese „Symptome“ sind absolut üblich und normale Körperreaktion:
- Erschöpfung
- Antriebslosigkeit
- Atemprobleme
- Panikattacken
- Herzprobleme
- Konzentrationsprobleme
- Gedächtnisprobleme
- Schmerzen
- etc.
Trauer ist nie nur ein psychisches Geschehen. Die Forschung zeigt, dass es immer physiologische Effekte gibt z.B. auf Herz, Immunsystem, Hormone und Gehirnfunktion.
Einfach erklärt kann man sagen, dein Körper ist im Stressmodus und Stress zeigt sich immer körperlich. Bei großem oder sogar traumatischem Stress ist die Reaktion entsprechend stark. Außerdem erkennt du daran, dass deine Gefühle und dein Bewusstsein immer mit deinem Körper in Verbindung stehen und nicht getrennt betrachtet werden können. Auch wenn wir das wissen, wird es doch oft irgendwie vergessen.
Die Forschung zeigt, dass sich dein Gehirn erst langsam an den Verlust gewöhnen muss. Auch dein Körper braucht diesen Anpassungsprozess an die neue Situation, diese „body response“
"Grief isn't just an emotion, it's a full body, full being experience that has effects on our biology, our mood, our behavior and our outlook on life in general." (Mary-Frances O'Connor)
Für dich bedeutet das, dass du deinem Körper in Trauerzeiten und in Krisenzeiten ganz besondere Beachtung schenken darfst. Bei allen Verlusten, nicht nur wenn jemand gestorben ist. Wie genau du das machen kannst, erkläre ich dir hier noch.
Für mich bedeutet es, dass ich in meiner Arbeit immer auch deinen Körper mit einbeziehe. Trauerbegleitung ohne Körperarbeit macht für mich wenig Sinn. Ich wähle dafür Übungen aus, die die Reaktion deines Körpers unterstützen und deine Trauer auf Körperebene regulieren und integrieren. Oft stelle ich ganze „Sets“ zusammen für meine Klient*innen. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf deinem Nervensystem, den Faszien, sowie psychophysiologischen Prozessen im Körper.
Was du tun kannst, um deinen Körper gut zu berücksichtigen in deinen Trauerprozessen:
- Mach dir als Erstes bewusst, welche körperlichen „Symptome“ du bei dir wahrnimmst. Schreib gerne mal alle auf. Überlege auch, welche Reaktionen du bereits kennst und welche davon neu sind.
- Wenn dich etwas besonders beunruhigt, lass es auf jeden Fall auch somatisch beim Arzt abklären.
- Informiere dich über Möglichkeiten, die dir bei deinen körperlichen Trauerreaktionen helfen und nutze sie in deinem Alltag.
- Spüre immer wieder in deinen Körper und beobachte, wie es dir geht. Sei gut in Kontakt mit dir.
- Höre auch auf die Bedürfnisse von deinem Körper. Das heißt, ermögliche ihm das, was er braucht und einfordert, wie z.B. Ruhe, Erholung, Pausen, Rückzug.
- Wenn du eine besonders sensible Wahrnehmung hast, mach dir bewusst, dass du möglicherweise auch körperliche Prozesse intensiver erlebst.
- Tu deinem Körper Gutes und entspanne und beruhige ihn immer wieder. Am besten das, was dir schon immer gut getan hat. Gute individuelle, Selbstfürsorge ist eine zentrale Aufgabe in Trauerprozessen, die noch viel zu wenig betont wird.
Was ich dir mit diesen Gedanken vor allem sagen möchte: Trauer ist nicht pathologisch. Aber sie leider wird immer noch sehr schnell pathologisiert – vor allem aufgrund der körperlichen Prozesse. Aber sowohl Erschöpfung als auch Panikattacken sind ganz natürliche mögliche Reaktionen in einem gesunden, resilienten Trauerprozess.
Quelle/Weiterlesen: Mary-Frances O’Connor. The grieving body. 2025.
Bild: Natalie Granger | unsplash
