Der große Unterschied, wenn du nicht alleine trauerst
Zeugenschaft für deinen Schmerz – klingt etwas merkwürdig. Aber genau hierin besteht der Unterschied.
Alleine traurig sein und trauern kennen wir alle. Ich denke, die meisten Menschen bevorzugen es sogar, alleine zu weinen, zu schluchzen, sich zurückzuziehen. So sieht es aus, wenn du die Trauer mit dir alleine ausmachst. Es gibt keinen Zeugen, niemanden, der mit deinen Trauerschmerz sieht und hält.
Zeugen sind Spiegel, Zeugen sind Resonanz.
Wir brauchen diese Präsenz und Resonanz, um uns selbst zu sehen und unser Erleben wirklich zu begreifen. Wir brauchen diese co-regulierende Sicherheit, um uns nicht alleine zu fühlen.
Viele Menschen haben den Wunsch, ihre Trauer und ihren Verlust gut zu verarbeiten. Heilsame Zeugenschaft und mitfühlendes Gesehenwerden sind ein wesentlicher Bestandteil dieses Prozesses.
Ich möchte dich dazu ermutigen, dich zu zeigen mit deiner Trauer.
Das kannst du z.B. so machen:
- Gesprächsangebote annehmen, statt abzulehnen.
- Jemanden ums Zuhören bitten: „Es würde mir guttun, mit dir drüber zu reden.“
- Den Raum annehmen: zu erzählen, deine Gefühle zu spüren und zuzulassen, die Tränen fließen zu lassen.
- Achte dabei auf den Rahmen. Nicht jedes Setting bietet sich dafür an. Du darfst sagen: „Dafür brauche ich einen geschützteren Ort oder mehr Zeit.“
- Achte auch darauf, mit welcher Freund*in, mit welchem Menschen du dir ein solches „Zeugen-Gespräch“ gut vorstellen kann. Bei wem du dich gut und sicher zeigen kannst.
Viele Menschen nutzen auch genau dafür professionelle Trauerbegleitung. Eine Begleitung, die deine Trauer wirklich aushält. Der du dich wirklich zumuten kannst. Die die Situation neutral und wertfrei betrachtet. Die weiß, was du alles brauchst, für einen guten Trauerprozess. Auch diese Begleitung und Resonanz darfst du dir erlauben und damit gut für dich sorgen.
Ob ein Zuhören, ein Gespräch dir hilft in deinem Prozess? Das spürst du.
Gute Resonanz fühlt sich unglaublich gut an. Das sind die Momente, in denen du das Gefühl hast, ganz du selbst sein zu können. Diese Momente, in denen du dich wirklich verstanden fühlst.
Ich möchte dich auch ermutigen, andere zu ermutigen, sich zu zeigen mit ihrer Trauer. Damit kannst du ganz aktiv dazu beitragen, dass Trauer ihren natürlichen Platz im Leben behält. Achte aber gut darauf, dass es dir selbst gut geht und du echte Offenheit und Kapazität hast, für die Sorgen eines anderen Menschen.
Dazu gehört:
- Den Raum anzubieten: „Mich interessiert, wie es dir wirklich geht und was dich beschäftigt.“
- Dir Zeit nehmen: „Ich habe Zeit für dich.“
- Keine Lösungen anbieten, sondern Gefühle spiegeln: „Das berührt mich sehr, was du erzählst.“
- Dich selbst in den Hintergrund stellen und keine Vergleiche mit deinen eigenen Erfahrungen einzubringen.
- Wirklich zuzuhören.
- Die Traurigkeit und Trauer auszuhalten.
- Deine Grenzen zu spüren und zu formulieren.
Trauer ist eine ganz natürliche Reaktion auf einen Verlust. Auf Abschiede, Trennungen, zerplatzte Lebensträume, auf Erkrankungen und natürlich auf den Tod.
Alle diese Verluste sind für dich viel leichter zu begreifen, zu integrieren, als Teil deiner Biografie anzuerkennen, wenn du bewusst trauerst – nicht nur alleine, sondern immer auch mit einer liebevollen Zeugen-Person.
Quellen: Heike Gattnar, Kirsten DeLeo, Dr. Herbert Grassmann
Bild: Ingrid Hall/unsplash
